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[Blog] „Die Diskussionen habt Ihr ohnehin, die Frage ist, ob vorher oder hinterher…“

Eine Geschichte über Entscheidungsfindung aus der AG Soziales Leben

Nach dem Motto „keine Erfahrung ist so gut wie die Selbstgemachte“ hat sich die AG anlässlich einer anstehenden Entscheidung – konkret ging es um die immer wieder aufkommende Frage, ob wir unseren Namen behalten oder ändern wollen – intensiv mit dem Thema Entscheidungsfindung auseinandergesetzt und einigermaßen überrascht festgestellt, wie umfangreich so ein Prozess sein kann und wie viel es zu beachten gibt – wenn man es wirklich ernst nimmt, und das wollten wir unbedingt.

Wir, Vera und Conni, waren beauftragt, eine Abstimmung vorzubereiten und aus der scheinbar einfachen Aufgabe entwickelte sich eine ausgiebige Auseinandersetzung mit Fragen, die weitere Fragen aufwarfen… es brauchte einen sehr langen Spaziergang, mehrere Telefonate und ein Pingpong an Emails, bis uns klar war, dass die Art, wie die Entscheidung vorbereitet und ausgeführt wird, schon ganz erheblichen Einfluss auf das Ergebnis haben kann und wie wir mit dieser Macht, die uns in die Hände gelegt wurde, verantwortungsvoll umgehen. Hilfe: Macht wollten wir eigentlich gar nicht! Wir suchten nach einer Methode, die möglichst zu einem Konsensbeschluss führt, mehr nicht!

Dennoch mussten wir ja Entscheidungen fällen. Wir entschieden uns zu einem mehrstufigen Verfahren, das zwar kein schnelles Ergebnis zur Folge hatte (das war ja nicht nötig) aber insgesamt die Einzelnen und uns als Gruppe auch nicht viel wertvolle Zeit kostet (dachten wir…).

Erster Schritt: eine Vorab-Entscheidung darüber, ob wir überhaupt abstimmen wollen. Gibt es mindestens 20% Befürworter*innen hierfür? Wir dachten: wenn das nicht der Fall ist können wir eigentlich verantworten, alles abzublasen. Wozu viel Energie in einen Prozess stecken, wenn da kaum Bedürfnis dahintersteckt? Die Abstimmung ergab, dass sich doch mehrere Menschen eine Abstimmung wünschten, war also nix mit schnell vom Tisch…

Zweiter Schritt: in einem Dokument in der Cloud konnten alle Vorschläge für einen zukünftigen Namen machen. Hierfür gab es eine Frist bis zur nächsten AG-Sitzung

Dritter Schritt: Wir erstellten eine Tabelle mit kleiner Ausfüll-Anleitung: Punkte vergeben von 0=“geht gar nicht“ bis 5=“ich gehe voll mit“. Das ist sozusagen umgekehrtes Systemisches Konsensieren, bei dem normalerweise die Frage nach dem geringsten Widerstand gestellt wird und das uns für diese konkrete Fragestellung erstmal nicht so sympathisch war. Naja, vielleicht wäre das die bessere Wahl gewesen, darüber denken wir noch nach… Die Tabelle stellten wir auf der Sitzung vor, Abstimmung wieder online und mit 2 Wochen Zeit. Und wir wissen jetzt: ACHTUNG! An dieser Stelle ist echt richtig Sorgfalt angesagt, denn das Abstimmungsverhalten war für uns überraschend. Es gab diejenigen, die tatsächlich jeden einzelnen Namen bewerteten und dann gab es die „Strategen“, die sich dachten: wenn ich den anderen Namen auch Punkte gebe schwäche ich meinen Favoriten. Eine Erkenntnis: wenn Du einen Konsens haben willst, musst Du den Leuten sagen, sie mögen bitte konsensorientiert abstimmen, was in diesem Fall bedeutet: womit kann ich AUCH leben? Oder vielleicht sogar: was ist für die Gruppe gut? In Abgrenzung vom interessengeleiteten Abstimmungsverhalten, das wir aus unserer „normalen“ Lebensrealität eher gewohnt sind.

Auf der AG-Sitzung stellten wir auch die Frage: Wer stimmt eigentlich ab? Wir hatten in letzter Zeit in der AG einige neue Gesichter und wir -Vera und Conni- waren uns nicht sicher, ob es richtig ist, wenn Leute über ein die AG betreffendes Thema abstimmen, obwohl sie (noch) gar nicht aktiv mitarbeiten. Wir schlugen vor: „Bitte stimme nur dann mit ab, wenn Du mitarbeitest oder das zumindest vorhast“. Damit konnten die Teilnehmenden ganz gut leben.

Finale: Auswertung des Ergebnisses. Vielleicht habt Ihr Euch schon gefragt: gab es eigentlich ein Vetorecht? Bedeutet 0=Veto? Vera und ich waren uns darüber im Klaren, dass ein Vetorecht bei vielen Abstimmungen ganz viel Sinn macht, aber in diesem Fall waren wir unschlüssig und haben das tatsächlich offengelassen. Mit dem Ergebnis, dass wir im Anschluss eine sehr spannende Diskussion hatten, in der wir das Verfahren nochmal wunderbar reflektieren konnten.

Fazit
Die intensive Auseinandersetzung, die Art der Beteiligung, die Transparenz des Vorgehens und die Bewusstwerdung über das Machtpotential, das in der Formulierung einer Fragestellung und in der Art der Durchführung steckt haben uns als Gruppe einen echten Erkenntnisgewinn beschert! Das scheint fast das wichtigere Ergebnis als die Findung eines AG-Namens, der übrigens so bleibt wie bisher: „AG Soziales Leben“.

-Eure Vera und Conni aus der AG “Soziales Leben”, im März 2021