Warum suffizient leben?

Warum strebt das Ecovillage Hannover ein suffizientes tägliches Leben an? Was hat das mit dem Glauben an unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum zu tun? Wie hängt das mit Glück und Zeit zusammen? Und was bedeutet es eigentlich, suffizient zu leben?

Unbegrenztes Wachstum

Rund um uns in der Natur erneuern sich alle Stoffe immerfort in einem genialen Kreislauf. Alles ist dem nächsten Schritt wieder eine Grundlage, Abfall gibt es nicht. Und nirgendwo kann dem System mehr entnommen werden, als zurückgeführt wird.

Nun stehen wir Menschen nicht vor dieser Natur und schauen ihr zu. Wir sind ein Teil von ihr. Unser gesamtes Leben mit all seinen materiellen Errungenschaften gründet auf den Ressourcen, die wir der Umwelt – der Welt um uns herum, vom Vorgarten bis zum gesamten Planeten – dafür entnehmen. Dieser Planet ist zwar groß, aber er hat doch Grenzen. Die Menge an Ressourcen, die wir für uns nutzen können, ist folglich ebenfalls begrenzt. Wie soll, im Angesicht dieser so offensichtlichen Rahmenbedingungen, die Wirtschaft immerfort wachsen? Wirtschaftswachstum bedeutet immer den Verbrauch von Ressourcen. Begrenzte Ressourcen lassen kein unbegrenztes Wachstum zu. Und dabei spielt es keine Rolle, wieviel weniger Energie die Herstellung verbraucht hat und wieviel effizienter die neuen Produkte sind, die wir davon herstellen, solange es immer mehr werden.

Glück und Zeit

Auch Glück, das belegt die Forschung, ist nicht unendlich steigerbar. Und obwohl es uns die Werbung gern glauben machen möchte, so gründet sich unsere Lebenszufriedenheit doch nicht allein auf einen durch Produkte definierten Lebensstandard, sondern viel mehr „auf zwischenmenschlichen Beziehungen, der [Geborgenheit] des sozialen Umfeldes, Erfolg und Anerkennung auf Basis eigener Fähigkeiten, Gesundheit, Sicherheit und einer als intakt empfundenen Umwelt […]“ (Welzer / Wiegandt, S. 138). Diese Dinge zu erreichen und zu genießen erfordert kein Geld, sondern Zeit. Auch der Konsum materieller Produkte, von der Information über den Kauf bis zur Entsorgung, letztlich also die Aufrechterhaltung unseres Lebensstandards, erfordert Zeit. Wir verbrauchen sie größtenteils schon damit, das dafür nötige Geld zu verdienen. Der Tag aber hat nur 24 Stunden. Und all die Produkte eines unendlichen Wirtschaftswachstums zu konsumieren, haben wir darum gar keine Zeit.

(Argumentationsstruktur und Hauptaussagen vgl. Paech, Niko: Vom grünen Wachstumsmythos zur Postwachstumsökonomie, in: Welzer, Harald, Wiegandt, Klaus: Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung, Frankfurt a.M. 2011, S.131-140

Eine detailliertere Herleitung der Probleme des Wachstumsprinzips und Beschreibung der Entkopplungstheorien der ökologischen Konsistenz und Effizienz, umfangreichere Ausführungen zum Zusammenspiel von Konsum, Glück und Gerechtigkeit sowie die Schilderung einer Postwachstumsökonomie können hier nachgelesen werden.)   

Suffizienz

Suffizienz bedeutet keinen Verlust. Ganz im Gegenteil bedeutet sie einen Gewinn, nämlich an Zeit. Denn suffizient, oder auch „genügsam“ zu leben bedeutet, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die für das tägliche, zufriedene Leben wirklich wichtig sind und sich des Rests zu entledigen. Reduzieren wir den Verbrauch von Konsumgütern, so müssen wir weniger Geld dafür verdienen und erhalten mehr Zeit für die oben aufgezählten Dinge, auf denen unsere Zufriedenheit eigentlich beruht.

Im Projekt Ecovillage Hannover verstehen wir unter einem suffizienten (genügsamen) Leben ganz konkret eine Reduktion der Wohnfläche pro Person, ohne Verlust der Privatsphäre, zugunsten größerer Flächen für die Gemeinschaft und das Teilen möglichst vieler Objekte des täglichen Lebens statt des Besitzes durch die einzelne Person. Wir erstreben einen bewegungsreicheren, somit gesünderen Alltag durch den individuellen Verzicht auf Maschinen des bisherigen täglichen Lebens, dadurch eine Reduktion des Energie- und Ressourcenverbrauchs und schließlich die Wahrung eines zukunftsverträglichen Wohlstands durch die Entlastung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.